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«Lieb mich, als wäre es 1965» – denn schlimmer geht immer!

  • Autorenbild: Lara Alina Hofer
    Lara Alina Hofer
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Es herbstelt in Paris. Unsere Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) schlendert durch die Champs-Élysées. Mit Rilke und Pablo Neruda an ihrer Seite wird füber Liebe im politischen Kontext diskutiert. Ein Bruch mit dem modernen Dating. Früher war alles besser. Und gibt es überhaupt noch Hoffnung? 


Es ist ein sonniger Herbsttag, die Blätter fallen im Sekundentakt von den Bäumen und rascheln beim Gehen unter den Stiefeln, als wollten sie einem davon abhalten. Like you can see in trees, everything beautiful leaves. Und ich mittendrin: der Champs-Élysées entlangspazierend, Kaffee in der Rechten, Croissant in der Linken, den Mantel bis oben zugeknöpft, weil ein Wind weht. 


Romantik provoziert. Der Vollmond spioniert. Redet mir ins Gewissen. Verfolgt mich. Während ich, wie jedes Jahr zu dieser Zeit, alleine in Paris bin, mit einem leidenden und sehnsüchtigen Herzen, und Rilke! Der mich durch die Gassen jagt und mir höllischen Druck macht mit seinem Herbstgedicht: «Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben! Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr!» Pssst, Rilke, halt die Klappe. Ich ertrage dich grad nicht.


Es gibt einen Mann, den ich liebe, und der mich liebt, so sagt man es sich zumindest, und doch bin ich allein in Paris, nicht dass ich es bedauern würde, aber es ist im Grunde doch bedauerlich. Weil es «kompliziert» ist, weil man sich «nicht sicher» ist, weil es «Effort» braucht, weil einer «avoidant» und einer «anxious» ist. (Lest euch endlich ein in diese Attachment Styles!). Ja, Erklärungsversuche gibt es viele.


Ich stehe vor dem Louvre und zerbreche mir den Kopf über all diese Möglichkeiten und nerve mich zugleich darüber, dass ich mir den Kopf zerbreche, während ich vor dem Louvre stehe. Liebe sollte genug sein. Romantik sollte genug sein. Eine echte Liebesbeziehung sollte nicht zu viel verlangt sein. Eine Pause ist die Hölle. Ich mache jetzt keine Pausen mehr. Schreite zügig weiter.


Ich muss jetzt an Vater denken, der meiner Mutter nach einer Pause ein Herz aus Holz geschnitzt und geschenkt hat. Ein Herz aus Holz. Nicht aus Stein. Das sich entflammen lässt. Das brennt! Und jetzt Pablo Neruda, der Rilke vom Trottoir stösst und mir ins Ohr flüstert: «My love, we have found each other hungry, and we bit each other, as fire bites, leaving wounds in us.» Also gehen? «Wait for me, keep for me your sweetness.» Aber was habe ich davon? «I will give you too a rose.» Na, immerhin! 


Man kommt jetzt in Versuchung, zu sagen: Früher war alles besser. Auch in der Popkultur. «Lieb mich, als wäre es das Jahr 1965», singt die Sängerin Jessie Murph (18) aus den USA in ihrem neuen Song «1965» – und provoziert damit. «Ich würde ein paar Rechte aufgeben, damit du mich liebst, als wäre es 1965», singt sie weiter. Und noch schlimmer: «Ich würde vielleicht ein paar Schläge von dir kriegen, dafür würdest du mir nicht nachts auf Snapchat schreiben.»


Ist das grauenvoll anti-feministisch? Oder irgendwie … nachvollziehbar?


Ich denke, es ist vor allem eines: Ein verzweifelter Hilferuf. Eine junge Frau sagt: Ich habe das moderne Dating satt. Ich will romantische Gesten, Blumensträusse, handgeschriebene Briefe und echte Dates. Ich will keinen belanglosen Sex, Unzuverlässigkeit und perverse Nachrichten auf Snapchat. In dieser Botschaft sehe ich durchaus etwas Feministisches: Eine junge Frau weiss, was ihre Bedürfnisse und Ansprüche an eine Beziehung sind, wie sie geliebt werden will – und wie eben nicht. 


Natürlich halte ich es für daneben, häusliche Gewalt zu verharmlosen und die hart erkämpften Frauenrechte einfach mal so über Bord zu werfen. Ich sehe darin aber auch die Dringlichkeit des Anliegens. Ein Ausdruck echter Verzweiflung. Ein Hilfeschrei, der sagt: Ich würde sogar Gewalt und Unterdrückung in Kauf nehmen, wenn ich dafür Romantik und Liebe kriege, wie ich sie mir wünsche.


Meine Antwort auf dieses Dilemma: Geht denn nicht auch beides? Keine Gewalt und Unterdrückung, und trotzdem Romantik und Liebe? Das kriegen Männer seit Jahrtausenden. Das steht auch uns Frauen zu. Es muss nicht das eine oder das andere sein. So war es früher. So war es 1965. Wir aber wollen in die Zukunft. Eine Zukunft, in der beides gleichzeitig geht. In die wir die positiven Faktoren aus der Vergangenheit mitnehmen, die negativen aber zurücklassen. «Lieb mich, als wäre es das Jahr 2035.»


Um das zu erreichen, braucht es Veränderung. Hoffnung. Und Arbeit. Sieht man die neuesten Headlines, spürt man unter heterosexuellen Frauen jedoch eine grosse Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Journalistin Chanté Joseph polarisierte kürzlich mit ihrem «Vogue»-Artikel: «Ist es für Frauen heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?» Darin argumentiert sie, dass es für Frauen oft von Vorteil sei, keinen Freund zu haben.


Oder Autorin Asa Seresin, die in ihrem Artikel «Heterosexualität ist kein persönliches Problem» den Begriff Hetero-Pessimismus einführt: Frauen, die es satt haben, hetero zu sein, auf Männer zu stehen und Männer daten zu müssen. «Ein Ausdruck von Bedauern, sogar von Peinlichkeit, über die eigene Heterosexualität, ohne etwas daran ändern zu können», lautet die Definition. 


Die Theoretikerin Jane Ward, Autorin des Buches «Die Tragödie der Heterosexualität», kommt in ihrem neuesten «Zeit»-Artikel zur Lösung: «Männer könnten lernen, Frauen so zu lieben, wie Lesben Frauen lieben. So sehr, dass sie ihnen zuhören wollen, sie respektieren und bewundern, ihrer Führung folgen, ihre Ideen ernst nehmen, ihre Bücher lesen und ihre Interessen teilen.»


Es ist also an der Zeit, dass Männer lernen, Frauen wirklich zu lieben. Von Herzen. Und für alles, was sie ausmacht. Dass sie sie aufrichtig respektieren, ihnen auf Augenhöhe begegnen und auf ihre modernen Bedürfnisse eingehen. Nicht auf Männer hören, die erklären, was Frauen wollen, sondern auf Frauen hören, die erklären, was Frauen wollen. Dass sie patriarchales Wissen und toxische Männlichkeitsdynamiken unlearnen. Verhaltensmuster ändern, auch wenn es Arbeit ist. 


Viele moderne Frauen brauchen heute keinen Mann mehr fürs Überleben, sie wollen einen Mann – oder eben nicht. Umso wichtiger wird es also, dass Männer zu den Männern werden, die Frauen wollen können. Davon profitieren schlussendlich beide Seiten. Das ist also ein Versöhnungsangebot. Auch an dich, Rilke.


Herren, es ist Zeit, die Unterdrückung war sehr gross.

Stellt eure Bemühungen über das Patriarchat,

und auf den Fluren, lasset den Feminismus los. 


 Befiehlt, den letzten Männern gut zu sein,

gebt ihnen noch zwei versöhnliche Tage, 

dann dränget sie zur Veränderung hin und jaget

Harmonie in ihre Herzen rein.


Wer jetzt keinen Boyfriend hat, ist im Trend.

Wer jetzt allein ist, wird es nicht ewig bleiben,

wird wachsen, lesen, lange Briefe schreiben,

und wird in den Alleen hin und her

zufrieden wandern, wenn die Blätter treiben.


Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Nun schreibt Lara Alina Hofer bei Rathuus über «Poesie und Politik» und über «Politik und Liebe».


Dieser Text wurde publiziert am 19. November 2025 im Zürcher Politikmagazin Rathuus.ch. Dort erscheint monatlich die literarische Kolumne «Laras Blick».







 
 
 

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