Als wären wir auf der Alp

Für ihre Reportage über die Bally-Kugeln («Der Banksy von Zürich») hat sich Gastschreiberin Lara Alina Hofer täglich an die Bahnhofstrasse gestellt und über das jeweilige Wort geschrieben.
«Stil ist etwas, das jeder von uns hat, wir müssen ihn bloss finden», schnörkelt es weiss über die Vitrine eines Kleiderladens am Löwenplatz. Vielleicht ist das wie in der Liebe. Aber ich will jetzt kein Fass aufmachen.
Ich wende meinen Blick ab, schlendere weiter, vorbei an der Bank, auf der ich damals mit gekrümmtem Rücken sass, unmittelbar nach der Verstümmelung. Kupfer in die Gebärmutter. Ein Schrei. Vielleicht schrie ich für zwei.
Du sasst neben mir, hast meine Hand gehalten. So kann sich nichts einnisten, hast du gesagt. Aber das stimmte nicht. Der Schmerz hat sich eingenistet. Es zieht noch immer, im Bauch, zieht mich auseinander. Auch jetzt. Also weiterziehen. Nicht wehmütig werden. Wer weiss schon, wohin meine Launen mich treiben?
Ich biege um die Ecke, will wissen, was die Bally-Kugeln sagen. In ihrer ganzen Sorglosigkeit. Bruchteilhaften Beständigkeit. Sie trügt! Die Hülle bleibt immer gleich, aber das Innere ändert sich täglich. Ein neues Wort im alten Gewand. Ich blicke auf die heutige Buchstabenkombination. Kann das sein? Ist dieser Zufall möglich? Ja, da steht es, Rot auf Weiss. L.A.U.N.E.
Ich ziehe meine Schuhe aus, stehe barfuss auf der Bahnhofstrasse, niemals barfuss im Park. Das Glockenspiel von Kurz erklingt. Badimbadimbadim. Männer eilen über Kreuzungen, stolpern zum Bahnhof, stürzen sich vor Autos, Trams, Velos, kann denn niemand die Glocken hören?
Einer im roten T-Shirt sieht mich an, hektisch, der Verkehr an der Brust. Und das Glockenspiel läutet kindlich weiter, als wären wir im Dorf, auf der Alp, bei den Kühen, die weiden, auf beblumten Wiesen, oben eine Kirche auf dem Hügel, sie schlägt vier Uhr.
Montag – 15:57 – LAUNE
Ich bringe dich an den Hauptbahnhof. Von Weitem leuchtet das Rätsel: S.T.O.R. – Bäume verdecken den letzten Buchstaben. Das Ende fehlt. Wir schreiben es in der Regel selbst. Ich umarme dich zum Abschied. Dann schreite ich, bei grösster Hitze, die Bahnhofstrasse entlang. Zum Altar, quasi. Willst du wirklich? Badimbadimbadim. Vermutlich wird STORY stehen, denke ich. Welche Geschichte soll ich euch also erzählen? Was wollt ihr wissen?
Das Bläschen auf dem Thermometer schwebt dort, wo es zu heiss zum Denken ist. Es wird sicher STORY stehen. Oder STORE? Oh, das wäre ärgerlich, zu kapitalistisch, in dieser Hitze, und sowieso: Wie weit muss ich noch laufen für diesen verfluchten letzten Buchstaben? Ich lasse mich im Schatten auf eine Bank fallen. Bei Kurz erklingt das Glockenspiel, als hätte es auf mich gewartet. Es ist sieben Uhr.
Dienstag – 19:03 – STORE
Ti Amo. Sempre. Ich liebe dich. Immer. Mehr braucht es nicht. Mehr gibt es nicht.
Mittwoch – 16:25 – IMMER / TIAMO

Es bleibt mir heute keine Zeit zum Schreiben. Ich bin zu beschäftigt mit Leben. Erleben. Geschichte schreiben. Ohne Geschichten keine Geschichte. Ein Fiebertraum. Ferien in Zürich. Schlaflose Nächte. Nie allein verbracht. Ich bin high on life, sleep deprived. Und du flirtest mit mir über die Bahnhofstrasse.
Donnerstag – 21:23 – STORY
Nach viertägiger Extase fühle ich mich erschöpft und befriedigt. Ob es ein Fehler ist, so zu leben? So sündhaft zu sein? Ich bin gespannt, was Bally sagt. Mein Dichter und Richter. Dein Wort sei mir Befehl. Du sollst mich rechtleiten. Sag mir noch ein Mal, was zu tun ist. Ich bin so ratlos wie immer. Ich will nicht mehr selber denken. Es geht hier auch um Schuld. Und Verantwortung.
Sag mir, was du von mir hältst, fälle dein Urteil. Schritt für Schritt nähere ich mich dir. Mr. Bally. Jetzt. Rilke. Camus. Let go. Leben. Taube. Spiel. Lache. Weine. JETZT! – B.U.F.F.A. Ich bin so ratlos wie immer. Blicke in den Himmel, er regnet, ich zücke mein Handy und lese bis zur Erleuchtung.
«Das rätoromanische Wort BUFFA bedeutet Windstoss, Luftzug, Böe, Hauch. Es bezeichnet das plötzliche, stossweise Blasen des Windes. Vom lateinischen buffare (blasen, schnaufen, stürmen) und italienischen buffare (pusten). Vom Adjektiv buffat – windisch, stossend, stürmisch. In der Musik betitelt die Opera Buffa ein urkomisches, heiteres Theater. Ein Zwischenspiel. Im Gegensatz zur ernsthaften Oper behandelt es humorvolle Alltagssituationen, und verzichtet dabei auf mythologische Göttergeschichten.»
Sie endet meist mit einem turbulenten Ensemble-Finale, bei dem plötzlich alle Figuren gleichzeitig auf der Bühne stehen. Sich anblicken, aber nicht wiedererkennen.
Freitag – 16:00 – BUFFA
Lara Alina Hofer (24) lebt als Künstlerin und Literaturschaffende in Zürich. Vor fünf Jahren zog sie von Biel/Bienne in die Grossstadt und wohnte am Seebacherplatz, Hardplatz und jetzt in Albisrieden. Ihr Bezug zum Kreis 1 ist eng: Sie verbringt gerne Zeit im Niederdorf, in hiesigen Cafés und an der Limmat. Auch für literarische Projekte ist sie in den Kreis 1 ausgerückt, etwa für eine Spoken Word Performance im Cabaret Voltaire oder für das Junge Literaturlabor (JULL). Die gelernte Journalistin studierte Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste und war Teil diverser Lesungen und Ausstellungen in der Schweiz. Ihr Kurzfilm «Versuch, einen Baum in Zürich zu fällen» wurde an den 61. Solothurner Filmtage als bester Kurzfilm 2026 ausgezeichnet. Derzeit tüftelt Lara an ihrem Debütroman, der ebenfalls in Zürich spielt.
Dieser Text erschien im September 2026 im Zürcher Altstadt-Kurier, Weltblatt für den Kreis 1.


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